1995 auf der Jugendfarm in Sindelfingen (Dawnbreed-Konzert)
- Marc Calmbach, Ex-Dawnbreed, Monochrome -
I met Armin almost exactly 20 years ago. The days of the legendary concerts in Nagold were long gone, but there was a peak in concerts in Stuttgart and Esslingen, organized by two concert groups. I was part of one of these groups and closely related to the other. We organized frequently many bands that Armin released on X-Mist or advertised in his mailorder, so that Armin and his wife Ute were often at the concerts. If he initially had a record box with him to offer vinyl for sale, he refrained from doing so, but you could still take advantage of the opportunity to have records brought to you. Armin always packed the records in a cloth or plastic bag and handed them to me with the words "Die Guck kannsch b'halte". So it happened that my collection of bags with imprints from retail companies in Nagold and the surrounding area kept growing. The last time he brought records was on July, 23rd this year. We met that day in a park in Neubulach, in the area where Armin grew up. Armin chose the meeting point because there is a Kneipp-pool there and the doctors had recommended that he take Kneipp therapy to treat the symptoms caused by his tumor. Then Ute, Michael and I played a round of mini golf, which Armin was no longer able to do due to his physical condition. Nevertheless, he tried his hand at the last track and persevered, which can be seen symbolically for his will to survive in the last few months.
The last bag in which he handed on records is from the NICOLAY company in Nagold. The company's website states that the company specializes in the "development and manufacture of products for non-invasive patient applications." So of course the last bag inevitably reminds me of his illness. I would have preferred a bag from “Getränkehandel Gerhard Kern, 72202 Nagold”, or something similar. There's the obvious association of drinking a beer to him. Let's see what I have in the fridge. Because: when I was in Nagold yesterday morning after his death, a friend of Armin told me that he had just had a beer with Armin's brother. "Yes! Heineken!” said his wife Ute. "Armin would definitely not endorse that at all."
This is how I will remember Armin, who expressed a sharp and clear judgment about things that did not suit him to the end. And that comforts me.
Ich habe Armin vor ziemlich genau 20 Jahren kennengelernt. Da waren die Zeiten der sagenumwobenen Konzerte in Nagold längst vorbei, aber es gab eine Hochphase an Konzerten in Stuttgart und Esslingen, ausgerichtet von zwei Konzertgruppen. Von einer dieser Gruppen war ich Teil, der anderen Gruppe eng verbunden.
This is the beginning.
Das ist der Anfang.
Nur... - wo soll er beginnen? Beginne ich mit einem literarischen Anfang - „Jetzt ist schon wieder was passiert“, so lässt Wolf Haas seine austrischen Brenner-Krimis beginnen. Und dann, dann wird es urkomisch. Und wir lachen. Armin auch.
Österreich. Das ist ein guter Anfang - liebte Armin doch nicht nur die Berge und die Touristen-Panoramen, sondern auch die Menschen, die dort lebten. Gerade sie liebte er. Ihre Idiome und saftigen Mundarten, die dort entspringen und als linguistischer Löwenzahn Zeit und Widrigkeiten trotzten und trotzen - sie haben es ihm angetan. Sprache, die im Wirtshaus durch die Luft geschleudert wird, die vor Freude juchzt, die in Rage Maulschellen verteilt. Oder in großer Not etwas anruft... Wahrscheinlich war das das unerträglichste für mich, der größte Affront dieses Daseins: Dass dieser wortkluge Mann, dem Sprache und rhetorischer Anspruch so Herzensangelegenheit wie auch selbstverständlich war, dass dieser Mann in den letzten Monaten durch die Krankheit seiner Worte beraubt wurde. Vorher rang er noch mit ihr, um jedes Wort, das ihm nicht mehr einfiel, vom Tumor zurückgehalten wurde. Und manchmal hat er sogar am Ende gewonnen und das Wort war plötzlich da. Aber ihm beim Ringen zuschauen zu müssen, verdammt zu sein Zeuge seines Mühens und seines inneren Haderns zu bleiben. Ich weiß, es nützt gar nichts, aber: Ich hätte dir wirklich sehr gerne dabei geholfen und wäre dir dabei gerne eine größere Hilfe gewesen.
Österreich, das wäre auch musikalisch ein guter Anfang. Attwenger. Nein, say it loud: ATTWENGER! Mein Gott, was lieben er und seine Frau Ute diese Band. Mir fehlen harte, marktanalytische Zahlen, aber ich denke es wird nicht viele Plattenläden oder Vertriebe in Deutschland geben, die anderen Menschen die Großartigkeit Attwengers so enthusiastisch nähergebracht haben. Der Auftrag? "Hört euch diese supercoole Band an, fernab von allen ausgetretenen Pfaden der Musikindustrie!" Auf jede verzückte Lobpreisung einer vermeintlich supertollen zeitgenössischen Band, die aber eigentlich gar langweilig war, entgegnete Armin: "Ja, ja, schon recht, aber: Willst du nicht mal etwas wirklich relevantes und cooles hören? Ich wüsste da eine Band für dich..." - Attwenger hatten keinen leidenschaftlicheren Fürsprecher.
Warum? Ähnlich der Mundarten und Dialekte, die Armin zeitlebens faszinierten, die er auf Wanderschaft mit wachem Ohr während einer Einkehr studierte und aufsog, konnte er sich leidenschaftlich für die widerständige Renitenz und Dickköpfigkeit begeistern, die sich inmitten der brutal-tumben Heimatlobhudelei Deutschlands und Österreichs immer wieder ihren Platz erkämpfte und erkämpft. Das hat ihn schwer beeindruckt. Und das war auch stets seine Maxime: Erst kommen Herz UND Verstand; dann kommt der Mut dazu. Und ab dann? Ja, ab da ist es dann doch eigentlich ganz einfach. Jedenfalls für diesen aufrichtigen Mann. Er wusste stets, wo und was er war. Und ich bewundere ihn so sehr dafür.
Und du fehlst mir jetzt schon so arg.
Das ist nicht das Ende.
Das Photo zeigt uns alle noch einmal vor ein paar Wochen. Die Kinder, schon groß. Ganz selbstverständlich wurden sie und wir Teil eines gemeinsamen Lebens, in dass ihr uns eingeladen habt. Der Sohn hat am Tag vor der Aufnahme dieses Bildes seine neuen Wanderschuhe angezogen und ist den Berg wie erleuchtet hochgerannt. Ein paar Jahre zuvor noch hat er das mit dir zusammen getan. Wir sahen ihm dabei zu, wehmütig und gleichzeitig dankbar: Von dir hat er die Begeisterung für die Berge gelernt. So wie wir alle. Ohne dich gäbe es nicht die Wanderschuhe. Ohne dich gäbe es so vieles nicht. Vieles vermeintlich klein und unbedeutend, vieles gar nicht sichtbar.
Wir sind reich beschenkt worden all die Jahre. Mach es gut, teurer Freund.
- Michael Sobott, Beau Travail Records -
Zum Abschluss dieses Jahres 2024 möchten wir auf eine schöne Aktion von Harald Retzbach verweisen, dessen Gedanken und Erinnerungen an Armi...